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Kreuzweg im Garten

Auf dieser Seite möchten wir Sie einladen, unseren neuen (alten) Kreuzweg im Pfarrgarten zu "entdecken". Zu jeder Station finden Sie einen kurzen Meditationstext von Bruder Martin Kleespies vom "alten" Seelsorgeteam.

Wenn Sie die Originale betrachten möchten, schauen Sie doch im Pfarrgarten hinter der Kirche vorbei, es ist immer offen.

1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt

Ort: Die erste Bildplatte steht neben dem Pfarrhaus an der Ecke des Durchgangs zur Kirche, wenn man von der Justusstraße her kommt.
Stifter der Bildplatte: unbekannt

Man sieht Pilatus und Jesus. Pilatus verkörpert formal die Macht über Leben und Tod. Er sitzt, Jesus steht. Pilatus ist dargestellt mit Halbglatze, im Gewand des römischen Beamten. Mal abgesehen vom Gewandt könnte er auch ein Mensch aus der heutigen Zeit sein.
Er ist Sachzwängen unterworfen. Er weiß, dass Jesus unschuldig ist. Seine weibliche, "intuitive" Seite hat es ihm gesagt. Aber die "realistische" männliche Seite denkt an die Karriere. An die politischen Zwänge. Kalkuliert scheinbar scharfsinnig und kühl. Dieser Mensch, der da vor ihm steht ist nur ein Fall. In diesem Fall muss er sterben, damit Pilatus weder mit dem Kaiser in Rom noch mit den Würdeträgern in Jerusalem Schwierigkeiten bekommt. Bei alledem wäscht er seine Hände in Unschuld. Er weiß um sein ungerechtes und grausames Handeln, aber er übernimmt dafür keine Verantwortung: "Der Befehl hat mich gezwungen…", "Das Gesetz hat mich gezwungen…", "Ich musste es tun, weil…" - all das sind nur Umschreibungen für etwas anderes: das einzige, das ihn zwingt ist seine Angst um sich selbst.
Daneben steht Jesus. Die Dornenkrone auf dem Kopf, die Foltermale im Gesicht. Die Hände, die so viele geheilt und liebevoll berührt haben sind jetzt gefesselt, die Handflächen nach unten, da geht nicht mehr viel. Scheinbar hat Jesus jetzt verloren. Er ist in die Mühlen eines Apparates geraten, der mächtiger zu sein scheint als er und der ihn jetzt zermalmt.
Die Darstellung des Künstlers sagt etwas anderes: im Gegensatz zu Pilatus steht Jesus aufrecht. Er steht neben dem Thron, denn er verkörpert eine ganz andere Macht als die weltliche. Er bleibt sich treu, denn er hat keine Angst vor dem, was Menschen ihm antun könnten. Er hat die Freiheit, die seine Beziehung zum Vater ihm ermöglicht. Er hat die innere Stärke, die nur das Vertrauen ihm geben kann. So stellt er sich vor den Mann, der nur Marionette ist und lehnt dessen hilflose Versuche, ihm goldene Brücken zu bauen kühl ab: Ja, du sagst es, ich bin ein König! Wenn es um die Botschaft vom Reich Gottes geht, gibt es keine Kompromisse und keine Wortklaubereien, nur Ja oder Nein, dafür oder dagegen.

 
2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Ort: Durchgang zur Kirche, neben dem Pfarrhaus
Stifterin der Bildplatte: Teresia Horner

Das Urteil ist gesprochen. Von jetzt an ist Jesus kein Mensch mehr, sondern ein rechtskräftig verurteilter Straftäter. Er, der mit all den Vielen, die seine Hilfe brauchten immer die persönliche Begegnung suchte, wird von den Anwesenden nicht mehr als Person wahrgenommen. Er, der sich jederzeit ansprechen lies von den Nöten der Menschen ist jetzt nur noch Teil eines Schauspiels und alle kommen um zu gaffen.
Niemanden interessieren die Spuren von Folter und Schmerzen, die sich im Gesicht deutlich sichtbar erkennen lassen. Mit ausdrucksloser Mine schwingt der Treiber die Peitsche. Er hat heute Dienst und tut nur seine Pflicht. Vielleicht ein Peitschenhieb mehr als nötig, denn bald ist Feierabend: Sabbat. Er wünscht sich, dass die Hinrichtung bald vorüber ist, damit er endlich nach Hause kann, ins Wochenende zu seiner Familie. Ohne erkennbare Anteilnahme taxiert er den Delinquenten. Hoffentlich schafft es der, das Kreuz weiterzutragen. Seine Aufgabe ist es, ihn dazu zu zwingen. Gewohnt pflichtbewusst und zuverlässig führt er den Befehl aus. Er wird nicht dafür bezahlt, Fragen zu stellen und nachzudenken, erst recht nicht steht es ihm zu, Gefühle zu haben oder gar zu zeigen. Menschen wie ihn gab es zu allen Zeiten: gefesselt in den Zwängen und Ängsten ihrer kleinen Existenz haben sie sich verbogen, sich selbst sind sie entfremdet. Sie sind mit den Jahren so abgestumpft, dass sie nicht einmal mehr wahrnehmen können, was aus ihnen geworden ist.
Jesus zahlt jetzt den Preis dafür, dass er die Macht der Einflussreichen in Frage gestellt hat: Den Einfluss derjenigen, die genau zu wissen vorgeben, wie Gott ist und die gut davon leben, daraus ein Geschäft zu machen. Die Macht derjenigen, die die großen Geldströme lenken und die die kleinen Leute dazu bringen, sie durch harte Arbeit noch reicher werden zu lassen.
So war es und so ist es bis heute. Ob es sich einmal ändert? Es kann sich ändern, wenn wir auf den schauen, der uns aus dem Bild heraus ansieht. Wenn wir nicht untätig am Rand stehen, sondern uns ansprechen lassen vom Leid der Geschundenen unserer Tage. Wenn wir nicht abstumpfen gegenüber der Barbarei unserer Zeit. Bei uns leben beispielsweise Menschen, die "illegal" sind, nur weil sie einen Ort suchten, an dem sich menschlich leben lässt. Deren Kinder müssen sich vormittags in der Wohnung verstecken, weil nicht auffallen darf, dass es sie gibt. Sie dürfen nicht zur Schule, sind abgeschnitten von ihrer Herkunft und haben keine Zukunft. Da sind unter uns auch die gering Qualifizierten, deren Berufschancen seit Jahren ständig sinken: Arbeitslosigkeit, Leiharbeit, von Job zu Job weniger Lohn, wieder arbeitslos, irgendwann nur noch das Gefühl nichts zu können, das etwas wert ist.
Aber auch die hochqualifizierten Leistungsträger, die glauben sich von der Firma gegen gutes Geld das Leben abkaufen lassen zu müssen um es gegen eine Karriere einzutauschen - bis sie dann bei der nächsten Umstrukturierung überflüssig werden. Oder die vielen, die es nicht schaffen, zwischen pflegebedürftigen Eltern und den Bedürfnissen der Kinder sich die eigene Lebendigkeit zu erhalten und die über Jahre und Jahrzehnte nur noch funktionieren. Die Kranken, die Einsamen, die Verzweifelten…
Können wir hinschauen? Lassen wir uns ansprechen?

 
3. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Ort: Am Weg Pfarrhaus - Kirche, links
Stifterin der Bildplatte: Frau Klein

Zur falschen Zeit am falschen Ort - so könnte man über Simon sagen, den Unbekannten aus Cyrene. Ein Passant, der zufällig vorbeikam. Ein Bauer, der auf dem Markt seine Geschäfte erledigt hatte. Im Beutel den Erlös und den Proviant für den Heimweg, bevor die Sabbatruhe das Reisen verbietet.
Eigentlich hat er also keine Zeit. Aber das ist nur ein vergleichsweise geringes Problem gegen die ungeheuerliche Zumutung: das Tragen des Kreuzes war Teil der Bestrafung eines zum Tod Verurteilten! Die Soldaten haben Angst, Jesus könnte es nicht bis zur Schädelstätte schaffen und so kommt es, dass ein unbescholtener Bürger, der durch ehrliche Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient, sich plötzlich in der Rolle des Verurteilten wiederfindet. Das Tragen der Last macht ihm nichts aus, er ist schwere Arbeit gewohnt. Aber diese Schande, die Blicke der neugierigen Zuschauer, ihre lästernden Sprüche und Zurufe! Mit weit aufgerissenen Augen sieht er unter sich: Vielleicht wacht er ja gleich auf und das ganze war nur ein schlimmer Traum? Leider nicht! Das wird er sein Leben lang nicht vergessen!
Im Gegensatz zu Simon, der nicht will, KANN Jesus nicht mehr. Verhör und Folter, eine schlaflose Nacht lang, haben ihn sehr geschwächt. Dann der weite Weg. Schon einmal ist er gestürzt und jetzt hat es den Anschein, als ob er sich am Kreuz festhalten müsse, solange Simon es trägt. Ein Moment, der Jesus gestattet, in sich gekehrt zu sein. Die Augen geschlossen und das Gesicht in einer Art schmerzlicher Entspanntheit geht er wie in Trance, Schritt für Schritt, dem Ziel entgegen.
Zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist die Art, wie uns auch heute das Kreuz begegnet: groß wie bei Unfällen, schweren Krankheiten und anderen Katastrophen und als kleines, alltägliches Kreuz: eine Panne, jemand, der unsere Hilfe genau dann braucht, wenn wir keine Zeit haben. Oder umgekehrt: genau dann, wenn ich Hilfe brauche, ist keiner da. Die Last von der Jesus sprach, sucht sich niemand selbst aus. Unsere Vorsätze, all die selbst auferlegten Regeln, Pflichten und Zwänge, das ist nicht die Art von Kreuz, von der Jesus sagte, dass sie tragen muss, wer ihm nachfolgen will. Die echten Kreuze im Leben kommen so daher, wie bei Simon von Cyrene: immer zur falschen Zeit und immer am falschen Ort. Manchmal können wir sie nur tragen, wenn jemand hilft. Das musste sogar Jesus erfahren.

 
4. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Ort: Am Weg Pfarrhaus - Kirche, rechts
Stifter der Bildplatte: unbekannt

Der irdische Weg Jesu ist hier zu Ende. Angekommen an der Schädelstätte braucht er nichts mehr. Das Kreuz schwebt quasi über ihm. Gleich wird man ihn dort annageln und es dann aufrichten.
Mit leeren Händen steht er so da am Ende seines Lebens. Das letzte, was er noch an materiellen Dingen hat trägt er am Leib: sein Gewand. Und auch das soll ihm jetzt noch genommen werden. Einer der Henker und sein Knecht nehmen es ihm ab. Es ist ein schönes Stück, für diese einfachen Menschen ist es wertvoll. Also warum es nicht nehmen, der Verurteilte braucht es ja nicht mehr. Ein Gewand tragen in dem jemand gestorben ist, das will keiner. Also gleich, her damit. Wer es letztlich bekommt, darüber wird man eine Partie Würfel werfen, während die Verurteilten mit dem Tod ringen. Ganz normale Routine, es gibt Interessanteres. Beispielsweise das gute Geld, das sich mit dem Verkauf so eines Gewandes erzielen lässt. So erträgt Jesus eine der schlimmsten Formen der Lieblosigkeit: die totale Missachtung und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Selbst dann wenn man als Henkersknecht unmittelbar daran beteiligt ist. Auch noch aus der grauenhaftesten Lage anderer zielstrebig und konsequent den eigenen Vorteil ziehen. Das ist es was der Soldat und der Bürger tun. So war es damals. Heute ist es subtiler, anders ist es nicht. Diejenigen, die den Vorteil haben sind von den Opfern tausende Kilometer entfernt. So findet sich in unseren bunt dekorierten Schaufenstern kein Hinweis darauf, dass auch an manchem günstigen Kleidungsstück Blut klebt. 200 Näherinnen verbrennen in China, zusammengepfercht auf engstem Raum. Es gab keine Notausgänge, erbärmliche Arbeitsbedingungen, erbärmlicher Lohn, keine Sozialleistungen. Aber was sie nähen ist konkurrenzlos billig gegenüber dem, was von fair behandelten und bezahlten Kräften hergestellt wird. Sogar wenn es um Luxus geht, Dinge, die niemand braucht, ziehen wir Vorteile aus fremder Not: Blutdiamanten aus Afrika, für Gold aus Brasilien werden die Indios vertrieben, ihr Trinkwasser vergiftet, es gibt den Arbeiter auf der Kakaoplantage in Ecuador, der in seinem ganzen Leben noch nie eine Tafel Schokolade in der Hand hatte. Unsere Kreuzfahrtschiffe werden an der Indischen Küste verschrottet, von Müllmenschen die auf gigantischen Giftmülldeponien leben und deren Lebenserwartung bei nicht einmal 40 Jahren liegt. Und selbst ganz ohne Rohstoffe wird schon mal eine komplette Schiffsladung Giftmüll von Holland nach Afrika gefahren und dort einfach im Land verteilt, wenn sich dadurch der Profit steigern lässt. Es ist die Logik dieser Welt, dass da wo der eine gewinnt ein anderer verliert. Warum sich nichts ändert? Warum es keinen Aufschrei der Entrüstung gibt?
Auch die Ausreden von damals gelten bis heute: wir können es sowieso nicht ändern, es ist nun mal eben so, auch eine miserable Arbeit sei für die Frau in China oder den Minenarbeiter in Afrika und Brasilien schon besser als nichts. Jesus kam um zu zeigen, dass diese Logik den Tod bringt. Ihretwegen lag er einst nackt und bettelarm in der hölzernen Krippe. Genau so steht er am Ende seines Weges vor dem hölzernen Kreuz. In der Zeit dazwischen wirkte er mit seiner Botschaft vom Reich um die Logik dieser Welt durch die Liebeslogik des Evangeliums abzulösen. Der Mensch sieht nur mit dem Herzen gut. Wer so diese Botschaft der Liebe annimmt, der erkennt dass Jesu Ende ein Sieg ist und sein Tod ein Anfang.

 
5. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt

Ort: südliche Grundstücksmauer des Pfarrgartens
Stifter der Bildplatte: Margarete Kupczyk

Beide Bilddiagonalen sind von dem wuchtigen Kreuz eingenommen. Der Blick nach vorne ist blockiert, hier geht es nicht weiter, jetzt ist Endstation, so signalisiert es diese Anordnung. Unten am Bildrand liegt noch das Gewand, achtlos hingeworfen von den Soldaten. Jesus braucht es nicht mehr, sein nächstes Gewand wird das Leichentuch sein. Hat er bis hierher das Kreuz getragen, so wird er jetzt förmlich eins mit dem Kreuz. Die linke Hand ist bereits angenagelt, die Rechte ist noch mit einem Seil fixiert, aber der Soldat hat schon den Hammer in der Hand und ist gerade im Begriff, auch noch den zweiten Nagel einzuschlagen.
Der Soldat steht aufrecht. Das Kreuz hat man schräg aufgestellt, damit er sich nicht bücken braucht. Der Mann hat offensichtlich Routine.
Auffallend sind die Hände, in übergroßer Darstellung. Die des Henkers ist zur mächtigen Faust geballt und hält mühelos den schweren Hammer. Die Hände Jesu sind ausgebreitet in der Haltung des Gebets und des Segnens. "Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", - das sagt er über die Menschen, die ihn so unsäglich quälen. Symbolhaft sehen wir in den beiden Personen dargestellt, worum es geht: die Mächte dieser Welt, wie das Evangelium zu sagen pflegt und die personifizierte Liebe Gottes stehen sich in direkter Konfrontation gegenüber. Auf der einen Seite der Soldat mit dem eisernen Panzer vor dem Herzen, auf der anderen Seite Jesus mit nichts als sich selbst. Der Panzer des einen steht für die Gefühlskälte von Menschen, die glauben dass der Zweck auch solche Mittel heiligt. Die sorgfältig frisierten Haare und die scharfen Bügelfalten der Kleidung sagen, dass trotz innerer Dunkelheit die äußere Fassade sehr gepflegt wird. Die Faust und der Hammer, Gewalt und Tod sind die Mittel, mit denen in "dieser Welt" Probleme angegangen werden. Die eigene Sicherheit wird erreicht durch Panzerung und indem man zuerst draufhaut. Jesus dagegen ist nicht nur ohne Panzer, er hat nicht mal ein Hemd an. Er ist völlig wehrlos, bewegungsunfähig, scheinbar ein Spielball der Henkersknechte. Heilen und segnen, vergeben und aufrichten, damit ging er die Probleme der Menschen an. So wollte er aufzeigen, dass die Botschaft von der Königsherrschaft Gottes die Botschaft der Liebe ist. Seine Auferstehung wird für uns zum Zeichen, dass letztlich Gottes Herrschaft sich durchsetzt. Bis dahin ist es eine wichtige Frage, die wir entscheiden müssen: worauf baue ich? Setze ich auf die Logik dieser Welt vom Gleichgewicht des Schreckens, von Vergeltung, Strafe, Sanktionen, vom Frieden durch Gewalt? Oder setze ich auf die Botschaft Jesu, der gezeigt hat, dass Frieden und Gerechtigkeit in der Welt keine Ziele sind, die irgendwelche Mittel rechtfertigen, sondern dass Frieden und Gerechtigkeit ganz einfach der Weg sind, der gegangen werden muss, unabhängig davon, was die anderen tun, ja sogar unabhängig davon, ob es mir im Einzelfall Nachteile bringt.
Der Soldat schaut auf die Stelle, an die er den nächsten Nagel einschlagen wird. Jesus schaut aus dem Bild heraus auf Dich. "Und Du, wo stehst Du?" so könnte er fragen.

 
6. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Ort: Mitte der Apsis im Pfarrgarten
Stifter der Bildplatte: Margarete Kupczyk

Es ist vollbracht. Jesu irdischer Weg ist zu Ende. Nach der Hektik und Aufregung des schweren Weges nach Golgatha, dem Kampf mit der erdrückenden Last des Querbalkens, den intensiven Begegnungen mit Menschen wie dem Bauern Simon und den weinenden Frauen ist jetzt jede Bewegung erstarrt. Wie eingefroren ist der Moment des Abschieds, des Todes. Nichts aber auch gar nichts ist mehr übrig vom Lehrer, vom Rabbi und Wunderheiler, dessen Ruf ihm vorausgeeilt war, wohin er auch kam. Nur seine Mutter und "der Jünger, den er liebte" haben es ausgehalten, ihm bis hierher zu folgen. Aber auch sie haben den Boden unter den Füßen verloren, wie der gewählte Bildausschnitt andeutet.
Verlängert man die Linien der am Kreuz angenagelten Hände und Unterarme Jesu, so gehen sie über in die dem Betrachter / der Betrachterin zugewandten Arme und Hände von Maria und Johannes.
Hier deutet sich erstmals an, dass nicht alles zu Ende ist. Jesus hat die beiden einander anvertraut mit den Worten "Frau - siehe Dein Sohn; Sohn - siehe Deine Mutter". Maria und der Lieblingsjünger sind über die Liebe, die sie mit ihm verbunden hat jetzt auch miteinander verbunden. Jesus stiftet Gemeinschaft. Noch im Moment des eigenen Todes sorgt er sich um die Nöte anderer. Maria erhält so einen anderen Sohn und Johannes wird die weltliche Sohnespflicht an Jesu stelle wahrnehmen, nämlich für die Mutter zu sorgen.
Die Gesamtkomposition der Arme und Hände ergibt die Form eines Kelches, einer Schale, die gefüllt wird mit dem Wasser und dem Blut aus der Seitenwunde Jesu.
Maria und Johannes sind in diesem Moment tief verbunden, was an der Berührung der Hände deutlich wird. Beide sind aber auch allein in ihrem Schmerz, was aus den nach unten gerichteten Blicken und der auf die eigene Brust gelegten Hand Marias ersichtlich ist. Bei aller fast schon zärtlichen Nähe und Verbundenheit die das Bild ausdrückt, bleibt in dieser entscheidenden und schweren Stunde zugleich jeder mit dem erlittenen Verlust allein.
Interessanterweise hat Johannes keinen Heiligenschein. Ist er noch zu jung, um so dargestellt zu werden? Er hat ja noch einen langen Weg vor sich. Nach der Überlieferung der Texte wird er es sein, der Jahrzehnte später einmal das nach ihm benannte Evangelium schreibt und der als alter Mann in der Verbannung auf Patmos die geheimnisvolle "Offenbarung des Johannes" verfasst. Wie kein anderer Evangelist stellt ausgerechnet der Augenzeuge Johannes, die Hinrichtung des Jesus von Nazareth als königlichen Sieg dar.
Königlich allerdings nicht nach dem üblichen Verständnis. Seine Krone ist die Dornenkrone. Sie steht dafür, dass er Erniedrigung und Schmerzen ausgehalten hat, ohne von seinem Weg der Gewaltlosigkeit und der Liebe abzuweichen. Er hat nicht angefangen zu schreien und zu fluchen, sondern war bis zuletzt offen und frei in allen Begegnungen; angefangen vom Verhör bei Pilatus bis zum Gespräch mit seinem reuigen Leidensgenossen den er tröstete, während er die Beschimpfungen des anderen Mitgekreuzigten einfach überging.
Darin kommt sein Königtum zum Ausdruck, nicht in den üblichen materiellen Symbolen von Macht und Reichtum. Kein Gold, kein Palast voller Diener und keine Legionen, rein äußerlich ist nichts erkennbar, im Gegenteil. Vielleicht hängt deshalb auch die Inschrift des Pilatus quasi in der Luft: INRI, Jesus Nacarenus Rex Judaeorum, Jesus von Nazareth, König der Juden. Es war durchaus üblich, zur Abschreckung den Hinrichtungsgrund anzugeben. "König der Juden", das war ein Vorwurf und bedeutete Aufruhr und Verschwörung gegen die Macht des Kaisers und seiner Statthalter, gegen die Weltherrschaft Roms, das allein das Recht hatte Könige einzusetzen.
Das Weltbild der Mächtigen und Reichen, der Gebildeten und Einflussreichen auf den Kopf gestellt, das war es tatsächlich, was Jesus getan hatte. Er hatte die Konfrontation nicht gesucht, aber sie wurde unvermeidlich, weil er das Selbstverständnis der machthungrigen Könige und Kaiser, der überheblichen Gotteskundigen und Religionsfunktionäre, der reichen Großgrundbesitzer, der unbarmherzigen Zolleintreiber, und der gierigen Geldwechsler in Frage stellte.
Durch seine Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die als Antwort die Solidarität und Liebe der Menschen untereinander fordert hatte er zu vielen der Erfolgreichen und Mächtigen einen Stachel ins Fleisch gesetzt. Nach ihrem Verständnis und der Logik dieser Welt revanchierten die sich, indem sie ihm die Dornenkrone aufsetzten ließen.
Wer allerdings glaubte, die Frohe Botschaft ließe sich so einfach mundtot machen, der hat die Rechnung ohne Gott gemacht. Der göttliche Heiligenschein, der Jesus umgibt zeigt, dass hier der am Werk ist, der in der Weltgeschichte das letzte Wort haben wird. Die Dornen der Dornenkrone waren "nur" ein äußerlicher Schmerz. Der Stachel der frohen Botschaft Jesu aber sitzt seitdem tief in allen ungerechten Machtverhältnissen. Es ist der Maßstab der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit, vor dem diese früher oder später kapitulieren müssen.
Wer vor der Bildplatte steht ist aufgerufen, nicht nur über das Dargestellte nachzudenken. Bleiben alle beim Betrachten des Geschehenen stehen ohne Konsequenzen zu ziehen, dann hätte Jesus sich damals besser rechtzeitig vor seiner Verhaftung am Ölberg aus dem Staub gemacht; denn für eine fromme Theorie lohnt es sich nicht, so qualvoll zu sterben.
Du bist genau wie Maria und Johannes aufgerufen, Deine Arme als verlängerten Arm Jesu zu begreifen und deine Hände bei Bedarf solidarisch dem Nächsten zu reichen. Mit Gottes Hilfe wird sein Reich so in der Welt Gestalt annehmen, sichtbar, spürbar und auf seine ganz eigene Weise mächtig.

 
7. Station:

Ort: Nördliche Grundstücksgrenze
Stifter der Bildplatte: Stifterin der Bildplatte: Margarete Kupczyk

Das Fleischgewordene Schöpfungswort, gekommen um den Schöpfer zu offenbaren - es ist verstummt. Die Logik dieser Welt hat scheinbar gesiegt über den Logos, das göttliche Wort. Der Tod Jesu zeigt sich nicht nur darin, dass Blut und Wasser aus seiner Seitenwunde fließt. Er zeigt sich ebenso drastisch darin, dass von seinen Jüngern außer Johannes keiner mehr da ist.
Seine Mutter ist da und ihre Trauer ist grenzenlos. Ihr einziger Sohn liegt tot in ihren Armen. Ihre Gesichtszüge sind genauso eingefallen wie die des Toten. Im Leben war er ihr oft fremd erschienen, etwa bei der Hochzeit zu Kanaa, als er ihren Wunsch schroff zurückwies um ihn dann doch zu erfüllen. Oder als er mit zwölf von der Wallfahrtsgruppe ausgerissen war. Nachdem sie ihn drei Tage suchen mussten hatte er damals keinerlei Schuldbewusstsein gezeigt.
Sie hatte von Anfang an Ja zu diesem Kind gesagt, auch wenn sie es unter mehr als schwierigen Umständen bekommen hatte.
Dieses Ja ist immer noch da und es zeigt sich jetzt, im Tod, in einer großen Nähe. Ihre Gesichter berühren sich, sein Arm hängt - wenn auch kraftlos - über ihre Schulter, sie umfängt seinen nackten Leib.
In der Kälte und im Gewicht seines Leichnams, wird Jesu Tod ganz konkret erfahrbar und nur, wer weiß, wie schwer es ist, einen Toten aufzuheben kann ermessen, welche übermenschliche Anstrengung das für Maria auch körperlich sein muss. Welche Seelische Kraft es kostet, ein Kind zu verabschieden, das man geliebt hat können nur ermessen, die es erfahren mussten. Trotzdem ist Maria nicht weggelaufen. Auch im dunkelsten Moment ist sie da, und sei es nur um dem Toten ein würdiges Begräbnis zu geben.
Ganz allein muss sie das nicht tun. Nach der Überlieferung sind Johannes, Josef von Arimathäa, ein reicher Jude und Mitglied des hohen Rates und der Pharisäer Nikodemus dabei. Einer der beiden Letzteren ist zu sehen, wie er Maria hilft, die Last zu tragen. Die ganze Gruppe ist dabei umfangen von dem Leichentuch, das vom Kreuz herabhängt und alle drei umfängt.
Die einfache Frau vom Land und der einflussreiche und vornehme Würdenträger - auf jeden Menschen kommt der Tod unausweichlich zu. Niemand, nicht einmal Jesus konnte dem entkommen. Wir verdrängen das gern. Unsere Toten legen wir heutzutage nicht mehr selbst ins Grab. Das delegieren wir an Dienstleister. Viele haben Angst und trauen sich nicht, Verstorbene Angehörige auch nur zu berühren.
Wenn wir die Endgültigkeit und Radikalität des Todes so hautnah an uns heranlassen, wie es die beiden auf dem Bild tun kann der Tod zum festen Bestandteil unseres Lebens werden. Die Liebe ist stärker als der Tod.
Aus der Verbundenheit und Nähe mit unseren Toten wird sichtbar, dass wir ALLE eine Gemeinschaft sind. Dass es keine Toten gibt, sondern nur Lebende. Hier auf unserer Erde und im Jenseits. Den Tod gibt es, aber er ist nur ein Augenblick, eine Sekunde, ein Schritt. Jesus ist diesen Schritt gegangen. Er lebt weiter und die Auferstehung wird kommen. Sieg des Lichtes über die Finsternis!