Auf dieser Seite möchten wir Sie einladen, unseren neuen (alten) Kreuzweg im Pfarrgarten zu "entdecken". Zu jeder Station finden Sie einen kurzen Meditationstext von Bruder Martin Kleespies vom Seelsorgeteam.
Wenn Sie die Originale betrachten möchten, schauen Sie doch im Pfarrgarten hinter der Kirche vorbei, es ist immer offen.
1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt
Ort: Die erste Bildplatte steht neben dem Pfarrhaus an der Ecke des Durchgangs zur Kirche, wenn man von der Justusstraße her kommt.
Stifter der Bildplatte: unbekannt
Man sieht Pilatus und Jesus. Pilatus verkörpert formal die Macht über Leben und Tod. Er sitzt, Jesus steht. Pilatus ist dargestellt mit Halbglatze, im Gewand des römischen Beamten. Mal abgesehen vom Gewandt könnte er auch ein Mensch aus der heutigen Zeit sein.
Er ist Sachzwängen unterworfen. Er weiß, dass Jesus unschuldig ist. Seine weibliche, "intuitive" Seite hat es ihm gesagt. Aber die "realistische" männliche Seite denkt an die Karriere. An die politischen Zwänge. Kalkuliert scheinbar scharfsinnig und kühl. Dieser Mensch, der da vor ihm steht ist nur ein Fall. In diesem Fall muss er sterben, damit Pilatus weder mit dem Kaiser in Rom noch mit den Würdeträgern in Jerusalem Schwierigkeiten bekommt. Bei alledem wäscht er seine Hände in Unschuld. Er weiß um sein ungerechtes und grausames Handeln, aber er übernimmt dafür keine Verantwortung: "Der Befehl hat mich gezwungen…", "Das Gesetz hat mich gezwungen…", "Ich musste es tun, weil…" - all das sind nur Umschreibungen für etwas anderes: das einzige, das ihn zwingt ist seine Angst um sich selbst.
Daneben steht Jesus. Die Dornenkrone auf dem Kopf, die Foltermale im Gesicht. Die Hände, die so viele geheilt und liebevoll berührt haben sind jetzt gefesselt, die Handflächen nach unten, da geht nicht mehr viel. Scheinbar hat Jesus jetzt verloren. Er ist in die Mühlen eines Apparates geraten, der mächtiger zu sein scheint als er und der ihn jetzt zermalmt.
Die Darstellung des Künstlers sagt etwas anderes: im Gegensatz zu Pilatus steht Jesus aufrecht. Er steht neben dem Thron, denn er verkörpert eine ganz andere Macht als die weltliche. Er bleibt sich treu, denn er hat keine Angst vor dem, was Menschen ihm antun könnten. Er hat die Freiheit, die seine Beziehung zum Vater ihm ermöglicht. Er hat die innere Stärke, die nur das Vertrauen ihm geben kann. So stellt er sich vor den Mann, der nur Marionette ist und lehnt dessen hilflose Versuche, ihm goldene Brücken zu bauen kühl ab: Ja, du sagst es, ich bin ein König! Wenn es um die Botschaft vom Reich Gottes geht, gibt es keine Kompromisse und keine Wortklaubereien, nur Ja oder Nein, dafür oder dagegen.
|